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KW 33Die Woche, als wir zwei alten Liedern lauschten

Die 33. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 7 neue Texte mit insgesamt 355.999 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck

Liebe Leser*innen,

diese Woche habe ich ein extrem altes Musikstück gestreamt. Es ist das älteste, das ich jemals gehört habe; und ich hätte nicht gedacht, dass eine so alte Aufnahme überhaupt existiert. „Hosanna In The Highest“ stammt aus dem Jahr 1898 – aus dem vorletzten Jahrhundert.

Was sich beim Hören zuerst aufdrängt, sind Kratzen, Knistern und weißes Rauschen. Aber wenn man sich darauf einlässt, schält sich – wie die Erinnerung an einen nur noch schwer greifbaren Traum – ein hoffnungsvoller Chorgesang heraus. Hören lässt sich das Stück im gemeinnützigen Internet Archive.

Mich begeistert das. Die Musikindustrie klagt.

Plattenlabels sehen ihre Rechte verletzt und verlangen mehrere Hundert Millionen US-Dollar Entschädigung. Nicht wegen „Hosanna In The Highest“, sondern wegen anderen urgroßelterlichen Titeln aus dem Internet Archive. Über den Rechtsstreit und seine zugrunde liegenden Argumente hat diese Woche mein Kollege Tomas berichtet.

Nancys Neuauflage eines Klassikers

Es gibt noch ein altes Lied, das mir diese Woche zu Ohren gekommen ist. „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum“ – der Refrain von jeder konservativ geprägten Debatte über Online-Kriminalität. Dieses Mal ist mir aber ein hinzugedichtetes Wort aufgefallen. „Das Internet ist kein anonymer, rechtsfreier Raum“, ließ sich Innenministerin Nancy Faeser (SPD) per Pressemitteilung zitieren, als das BKA das Lagebild Cybercrime 2022 vorstellte. Das hat mich hellhörig gemacht.

Ich bin mir sicher, dieser Zwischenton ist nicht zufällig reingerutscht. Es ist der gezielte Versuch einer Diskursverschiebung. Als ob Kriminalität und Anonymität ganz eng zusammengehörten. Mindestens im April hat Faeser das schon einmal gesagt. Aber Anonymität im Netz bedeutet auch Schutz von Grundrechten. Sogar im Koalitionsvertrag der Ampelregierung steht ausdrücklich: „Anonyme und pseudonyme Online-Nutzung werden wir wahren“. Der neue Sound passt zu Faesers mehr als fraglicher Netzpolitik – und wir werden mit Gewissheit weiter hinhören.

Zum Abschluss noch ein Aufruf: Für eine aktuelle Recherche suchen wir Erfahrungsberichte. Habt ihr in den vergangenen zwölf Monaten versucht, bei Berliner Behörden eine Wohnung anzumelden oder einen Personalausweis zu beantragen? War es leicht, einen Termin zu bekommen – oder eine Odyssee? Bitte schreibt uns (gerne anschaulich!) eure Erfahrungen an sebastian@netzpolitik.org. Vielen Dank!

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende
Sebastian

Unsere Artikel der Woche

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Bildbasierte GewaltMann soll 1,2 Milliarden US-Dollar an Ex-Partnerin zahlen

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Nach Klagen von Buchverlagen nehmen nun auch Musiklabels das Internet Archive ins Visier. Der Vorwurf: massenhafter Verstoß gegen das Urheberrecht. Die millionenschweren Forderungen könnten dem gemeinnützigen Projekt beträchtlich schaden.

Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Sebastian Hinweise schicken | Sebastian für O-Töne anfragen | Mastodon


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3 Kommentare zu „Die Woche, als wir zwei alten Liedern lauschten“


  1. Norbert Wangrin

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    Hallo, Eure Beiträge sind immer Spitze und manchmal möchte ich auf ältere Beiträge zurückgreifen . Hier wäre es hilfreich wenn Ihr eine Datenbank aufbaut indem jeder Beitrag systematisch nach Kategorie und Datum abgelegt wird, so das man schnell unter einer Überschrift auf einen Beitrag zugreifen kann. Ich übernehme interessante Beiträge in meinen Posts im Internet immer mit Quellenangabe „netzpolitk.org“. ist das OK
    Die Fraktale finde ich immer faszinierend. Ist es OK, für euch, wenn ich diese Fraktale mit Quellenangabe in meinen Posts frei verwenden kann?


    1. lieber nobert, besten dank für das lob und dein interesse. eine archiv-ansicht mit allen beiträgen nach datum und kategorie – ich geb das mal als frage/ idee weiter.

      die von uns verfassten artikel stehen, soweit nicht anders vermerkt, unter der lizenz https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/ du kannst dich insofern frei bedienen.

      die fraktale generieren wir mit dem mandelbrowser von Tomasz Śmigielski, der ist frei im netz, das heißt, du kannst damit sogar deine eigenen fraktale erstellen https://mandelbrowser.y0.pl/ oder auch unsere weiterverwenden, sie sind keine geschützten werke. viel spaß!


  2. Auch das noch

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    Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber hat Regeln für das Sammeln von Daten für Dienste wie ChatGPT gefordert. Öffentlich zugängliche personenbezogene Daten dürften aus Datenschutz-Sicht nicht für alle möglichen Zwecke verwendet werden, sagte Kelber im »Interview der Woche« des Deutschlandfunks.

    https://download.deutschlandfunk.de/file/dradio/2023/08/20/interview_kelber_ulrich_bundesbeauftragter_datenschutz_u_dlf_20230820_1105_676dda01.mp3

    https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/was-chatgpt-alles-nicht-wissen-soll-a-5b0737ba-dfa4-4936-ae3d-90f5c5674e4c

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